Urban Legends - Wahrheit, Lüge und ein Turklebaum

Eine wohl gefüllte Party in einem deutschen Vorort: Teenager tanzen, trinken und unterhalten sich. Eine junges Mädchen erzählte gerade, dass sie demnächst mit ihren Eltern nach Sarajevo fahren wird, als sich ein Teenager in das Gespräch einschaltet und energisch von der Reise in die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina abrät.

"Weißt du, ich habe gehört, dass (...)", beginnt dieser seine Erzählung von einem Mann, der ebenfalls in Sarajevo war und dieses für den Rest seines Lebens bereuen sollte. In einer Bar sei er betäubt worden und wenig später in einer verdreckten Seitenstraße aufgewacht. Wie er erschreckt feststellte, hatte man ihm eine Niere entfernt – die Organmafia, so heißt es, habe hinter dieser Tat gesteckt. Binnen weniger Minuten sei ihm das essentielle wie auch teure Organ herausoperiert worden.

"Das ist doch vollkommener Unsinn!", erwidert das reiselustige Mädchen, woraufhin ein weiterer Party-Gast seine Meinung abgibt. "Nein, ist echt wahr die Geschichte. Die hab' ich auch von der Cousine meiner Freundin gehört. Deren Stiefvater soll das passiert sein (...)", erklärte er überzeugt.

Auf diese und ähnliche Weisen verbreiten sich moderne Schauermärschen – oftmals als "Urban Legends" (bzw. Urbane Legenden), "modernde Mythen", "Großstadtlegenden" oder auch "Wandermärchen" bezeichnet. Es sind zumeist kurze Geschichten, Anekdoten und "angeblich wahre Begebenheiten", deren Verbreitung über mündliche Erzählungen, Emails, SMS und sogar die etablierten Medien sichergestellt ist. Ein äußerst erfolgreiches Mem-Konzept, wie es der Evolutionsbiologe Richard Dawkins bezeichnen würde.

Um den Wahrheitsgehalt der Geschichten über Metallschlingen-Mörder auf der Fahrzeugrückbank, dem Krokodil im Abwasserkanal oder den Spinnen unter der Haut ist es meist – aber nicht immer - nicht gut bestellt. Dennoch, so deutet der englische Fachbegriff für diese Geschichten, FOAF-Storys (Friend of a Friend – Freund eines Freundes), an, sollen sie zumeist dem Freund eines Freundes oder auch einem mehr oder minder entfernten Verwandten oder Bekannten zugestoßen sein.

Das Spektrum der Erzählungen ist sehr breit gefächert und reicht von trivial über lustig bis hin zur grausamen Ekel-Story, die einem den nächtlichen Schlaf raubt. Dennoch werden in den Urbanen Legenden immer wieder klare Motive und sogar Lehren verarbeitet: So sind die Angst vor der Fremde, die Furcht vor Krankheiten und der schnelle Tod ein wiederkehrendes Thema. Auch raten die Geschichten, stets Vorsicht walten zu lassen, nicht fremd zu gehen und seine Mitmenschen nicht aus dem Auge zu verlieren.

Ein Paradebeispiel für letzteres ist die Geschichte von George Turklebaum, welche gleichzeitig eine der bekanntesten Großstadtlegenden ist: George Turklebaum war ein Angestellter in einem New Yorker Lektorat. Seit mehr als 30 Jahren hatte er tagtäglich Bücher, Dokumente und Artikel korrigiert. Er war stets der erste, der ins Büro kam und der letzte, der ging. An einem Montag hatte George einen Herzanfall erlitten und war gestorben, ohne dass einer seiner 23 Kollegen dieses bemerkte. Erst fünf Tage später hatte eine Putzfrau entdeckt, dass der Mann im Drehstuhl nicht mehr am Leben war.

Diese kuriose wie auch traurige Story hatte es bis in die bekanntesten Medien geschafft. Außer Zeitungen wie dem Birmingham Sunday Mercury hatten nämlich auch auch die britische Times, die Daily Mail, der Guardian und sogar die BBC die Meldung aufgegriffen und für bare Münze genommen. Einen George Turklebaum, der unbemerkt in einem New Yorker Büro starb, hatte es aber nie gegeben. Dennoch ist die Geschichte nicht tot zu kriegen. Immer wieder kursiert sie auf Partys, auch wenn George's Name nicht fällt und der Ort des Todes jedes mal ein anderer ist.

Auch nicht wahr sind die Geschichten von HIV-infizierten Spritzen in Kinositzen, dem netten Araber, der eine Frau vor dem 11. September warnte oder Regenwürmern in den McDonalds Burgern. Und auch sie sind trotzdem weit verbreitet und wandern weiterhin von Mund zu Mund und wurden nun sogar von den Größen der Unterhaltungsindustrie als Ideengeber für's TV-Programm eindeckt. Sogar das Ermittler-Team aus der US-Erfolgsserie CSI hatte es schon mit einem urban-legendären Fall zu tun: Ein toter Taucher in einem Baum sollte Grissom und den Rest der coolen Forensiker auf eine harte Probe stellen.

Doch was oft und gerne vergessen wird: Nicht alle Urban Legends sind gleich Lügengeschichten. In manchen steckt durchaus ein Fünkchen und in wenigen sogar eine ganze Flamme Wahrheit. Erst kürzlich ging eine Meldung durch die weltweiten Medien, die eigentlich zu unglaublich ist, um wirklich passiert zu sein: "Toter wacht auf Seziertisch auf", meldete ntv und berichtete über einen für tot erklärten Mann in Venezuela, der aufwachte, als der Gerichtsmediziner mit der Leichenöffnung begann.

Ebenso einen wahren Kern hat - spätestens seit Dezember 2006 - die Geschichte von der Schlange in der Toilette. Peter Phillips, ein australischer Wildhüter, kann es bezeugen! Schließlich musste er das Tier aus dem Abflusssystem eines Hauses befreien.

Egal ob nur einige wenige der Urbanen Legenden aus einem wahren Ereignis herrühren, faszinierend sind sie dennoch. Vielleicht ist es aber auch gerade das. Nicht zu wissen, ob an einer FOAF-Story etwas dran ist; nicht zu wissen, ob tatsächlich einem Motorradfahrer der Kopf abgesäbelt wurde, als er einen LKW überholen wollte, der Metallplatten geladen hatte. Gruseln, ekeln oder belustigen werden uns die kuriosen Geschichten auf jeden Fall, die man vom Freund eines Freundes hört, dem dieses tatsächlich passiert sein soll.